Stell dir vor, dass du ein Zimmer gemietet hast - nur ein einziges in einem riesigen Haus. Es ist möbliert und besitzt den selben Aufbau wie alle anderen Räume im Gebäude. Was macht man als erstes, wenn man frisch eingezogen ist? Richtig, es wird sich nach den persönlichen Vorlieben eingerichtet: An die eine Wand kommt ein Bild von dir, gleich gegenüber von der Couch noch ein großes breites, du sortierst CDs und einige Schallplatten in die Regale, gleich neben deine Lieblingsbücher. Deine Favoriten der großen DVD-Sammlung dürfen natürlich auch nicht fehlen, sie verzieren unter dem Fernseher gemeinsam mit der Spielkonsole den freien Platz mit ihrer Anwesenheit.
Vorerst bist du zufrieden und möchtest natürlich deinen gelungenen Umzug mit ein paar alten Freunden feiern. Alle erscheinen, es werden Fotos gemacht, deine Musik gehört und die neue Wohnung begutachtet. Am nächsten Morgen sagen dir alle noch einmal Bescheid, wie toll denn die Party war und das man so etwas ja öfter machen könnte. Manche lassen dir sogar Fotos zukommen, welche du in dein neues Fotoalbum klebst, das auf deinem aufgeräumten Schreibtisch liegt. Außer dem Buch, liegen noch ein paar Zettel und Zeitschriften da. Gelegentlich schreibst du nämlich an deine Freunde Briefe, erzählst aus deinem Leben, was du so gemacht hast und legst gelegentlich die ein oder andere Magazinseite oder auch Bilder bei, weil du gerne möchtest, dass auch deine Besten davon erfahren was dich interessiert. Es kam auch schon vor, dass du Gedanken in Memos verfasst hast, die ebenfalls deine Freunden erhielten.
Das Ganze geht so eine Weile weiter, bis es dir irgendwann langweilig wird - man will ja was in der Wohnung erleben! Du erinnerst dich zurück: Deine Party kam total gut an, also veranstaltest du wieder eine - diesmal erlaubst du sogar einigen Leuten auch Begleitpersonen, die du nicht kennst, mitzubringen. Auch sie sehen deine Wohnung, schauen sich deine privaten Bilder an, sind begeistert, reden mit dir über deine Hobbys, machen Fotos mit dir und scheinen für diesen Abend mit zu deinem engsten Vertrautenkreis zu gehören und das obwohl du sie gar nicht kennst. Es ist dir egal, du schreibst nun auch diesen Leuten Briefe und Memos, klebst Bilder in dein Fotobuch ein, welches du mittlerweile aufgrund positiver Rückantworten in den Hausflur gebracht hast, damit auch andere Leute - wie du erhoffst - dich loben. Die Begleitpersonen reden über die Feier, erzählen wie deine Wohnung aussieht, was du für Hobbys hast und was dir so in deiner Freizeit in den Sinn kommt. Immer mehr Leute schauen sich deine Fotos an, den meisten gefallen sie, andere Menschen wirken bösartig, weil sie einfach Fotos ohne zu fragen herausreißen. Das soll dich aber nicht beirren, du schmeißt Partys, verteilst freizügige Bilder von dir an irgendwelche Passanten vor dem großen Haus in dem du wohnst , fragst Wohnungsnachbarn, ob sie mit dir spielen wollen und sprühst deine Gedanken einfach an Wände. Abschließen tust du auch nicht mehr, meistens steht die Tür einfach offen, damit jeder dich und deine Wohnung sehen kann. Irgendwann siehst du die damals entwendeten Bilder von dir in Porno-Zeitschriften, zusammengeschnitten in - für dich - unvorteilhaften Collagen, oder von irgendwelchen Feiern, wie du betrunken in der Ecke liegst.
Du erschrickst und wunderst dich wie das denn geschehen konnte.
Das Gefühl lässt dich irgendwann los, zu gut sind die Rezensionen von den Bildern, Graffitis und briefähnlichen Plakaten die du massenhaft in der Stadt anbringst. Der Kick des Beliebtseins ist zu groß um zu widerstehen. Es gibt Kritiker, selbst gute Freunde, die dir sagen, dass das alles nicht gut für dich ist und du damit aufhören sollst. "Alles Neider!" sagst du dir, "Was soll schon passieren? Nur weil jemand meine Fotos sieht und weiß wie vielen Leuten das gefällt bin ich doch kein Unmensch."
Es kommt einmal der Tag, an dem du Arbeit suchst, du willst eine größere Wohnung, deine jetzige ist zugemüllt mit Post von anderen, lauter Leute stehen Schlange um mit dir zu spielen, einfach alle wollen irgendetwas von dir. Du schaffst es sogar zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden, dein Gegenüber mustert dich und beginnt zu reden. Je mehr er erzählt - über deine Hobbys, deine Vorlieben, deine Ängste, von deiner letzten Party, wo er doch Bilder von dir, stark überlichtet, mit starkem Kontrast und tiefen Ausschnitt an der Schnapsflasche klebend gesehen hat - wird dir klar, dass du dir den Job abschminken kannst.
Ich habe eine einzige Frage an dich: Möchtest du das? Ich denke nicht, deswegen überlege auch im Netz was du tust, es könnte dir ansonsten irgendwann auf die Füße fallen.